September 2017

Fragen

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Profi oder Amateur? Die scheinbar fundamentale Qualität dieser Unterscheidung habe ich bei der Fotografie noch nie verstanden. Ich bin Autodidakt. Manche meiner Fotos werden von einer Agentur vertreten (s. unten). Wieviel Geld habe ich bisher damit verdient? Es läuft auf einen winzigen Bruchteil meines Gesamteinkommens hinaus. Für mich hat all das nichts mit der Frage zu tun, ob ich ein Fotograf bin. Das Konzept, dass man als Fotograf zentnerweise unsäglich teures Equipment durch die Gegend schleppen muss, um ein Heidengeld mit Fotos für die Vogue zu machen, erschließt sich mir nicht. Mich interessiert etwas völlig anderes. Von einem sehr erfahrenen Profi hörte ich einst, dass es ziemlich dauern kann, bis man weiß, was ein Bild ist. Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte. Die Fotografie hat eine Menge Überraschungen zu bieten – nette und weniger nette. Bilder sind abgründig. In dieser Hinsicht bin ich ein ziemlicher Anfänger, obwohl ich seit 2003 fotografiere. Gewisse Fortschritte erzielt zu haben und jeden Tag zu üben – das macht mich zu einem Fotografen. Nicht die Kameras, die ich besitze oder das Geld, das ich mit Fotos verdiene. Es geht um Leidenschaft, Interesse und die Fähigkeit, ein Auge für diese seltsam oszillierende, mäandernde Grenze zwischen Bild und Nicht-Bild zu entwickeln. Und natürlich um tausend Details, die der Arbeitsprozess mit sich bringt.

Das Bild oben entstand im Römisch-Germanischen Museum der Stadt Köln. Ein Besuch dort ist empfehlenswert.

bobsairport | EyeEM | Über 100.000

Liebe

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Was haben ein Frauengesicht, eine Reklame für die Bank of America und ein Rekrutierungsbüro der US-Armee gemeinsam? – Wir waren müde, so unglaublich müde. Ein anstrengender Tag in New York, ein Gang über die Brooklyn Bridge, dann weiter zum Times Square. Es war, als würde ich von all den Bildschirmen geröntgt. Aufgrund des unglaublichen Durchsatzes elektrischer Energie schien die Temperatur höher als in der umgebenden Stadt. All der Kram, mit dem meine Augen zurechtkommen mussten. Dann, mitten im Orkan, die roten Stühle am Times Square selbst. Der eine Platz auf der Erde mit der möglicherweise höchsten Dichte an Werbeanzeigen für Waren und Dienstleistungen – er bietet kostenlose Sitzplätze. Du kannst da so lange bleiben wie du willst und wie du es erträgst. Musst nichts konsumieren. Von Werbeanzeigen abgesehen, die dich röntgen.

All that and more | In her wake

Greater New York

Anfang

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Sogar das Ende sieht an seinem Anfang besser aus. Die Sonne hat noch Kraft, aber alles ist mit der Melancholie eines Herbstes angefüllt, der sich anschickt. Die Möwen betreiben ihre Geschäfte noch unter blauem Himmel. Einsame, abgehärtete Rentner haben das Spaßgewimmel am Strand ersetzt. Sand & Sonnenschutzmittel, sicher, aber nur als Nachgedanken. Der große Turm am Strand bleibt unbesetzt: Wenn du vermeidbare Risiken eingehst, kommt dich keiner retten. Die Eisdielen haben gestern geschlossen. Anstatt kalten Süßkram zu lutschen, genießt du die leichte Enttäuschung, die plötzlich fad gewordene Architektur und die sonnengebleichten Pappaufsteller, die nun einmal nicht für das ganze Jahr gedacht sind. Du willst noch bleiben, aber das geht nicht, weil dein T-Shirt und deine Shorts dem aufziehenden Abendnebel nichts entgegensetzen können. Zurück in deiner Ferienunterkunft siehst du, dass die Stubenfliegen endlich sterben.

Anfangen: 1 | 2 | 3 | 4 | 5

Filter II

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Nachts, sagen sie, bin ich ein Filtrierer. Ich stelle mir vor, ich sei ein Wal, aber in Wirklichkeit sehe ich wahrscheinlich eher wie eine Seepocke aus. Daher sind alle Grübeleien über meine Sünden und Erfolge möglicherweise von Grund auf leicht größenwahnsinnig, denn Seepocken kommen ohne Moral aus. Ihre Leistungen sind einfacher Natur und werden langsam erbracht. So zum Beispiel filtere ich Schall. Mein Kolonienachbar hat Schlafprobleme. Er braucht zwanzig Nächte, um fünf Zentimeter zurückzulegen, und das leichte Kratzen seiner fortbewegung geht durch meine Filter. Nächsten Herbst wird er ganz im Kreis gewandert sein, wieder einmal. Seltsamerweise sollte sie aber kaum möglich sein. Die Schallfilterung, meine ich. Schallwellen bewegen sich zu schnell fort, wenn sie nass werden, weil sie es hier unten nicht so mögen. Was bedeutet denn genau "hier unten"? Ein altes Rätsel. Neuerdings glaube ich fast, dass ich gar nicht komplett unter Wasser lebe, jedenfalls nicht immer. Die Tatsache, dass ich zwischen den Filterzyklen ein Luftatmer bin, konnte mir ja nicht ewig verborgen bleiben. Darüber will ich weiter nachdenken.