Moos

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Diesen Ort abgelegen zu nennen, wäre eine Untertreibung. Ein winziger jüdischer Friedhof im Wald bei Unterschwandorf (Stadt Haiterbach, Baden-Württemberg). Angelegt wurde er 1801. Die letzte Beisetzung fand 1879 statt, nachdem sich die Jüdische Gemeinde in den 1860ern aufgelöst hatte. Die Synagoge war aufgegeben worden und verfiel, wie der Friedhof selbst auch. 1969 beschlossen die Unterschwandorfer, ihren jüdischen Friedhof wiederherzustellen. Der Holocaust lag da 24 Jahre zurück. 1996 wurde der Friedhof von Neonazis geschändet. Heute herrscht dort eine märchenhafte Atmosphäre, weil Moos fast das ganze Gelände und einige der Grabsteine überzieht. Es gedeiht auch in dem umliegenden Wald prächtig. Ich musste über die Leute nachdenken, die dort begraben lagen. Sie hatten Diskriminierung erfahren und erschreckende Gewalt, wie während des Pogroms von 1848 in der Nachbarstadt Baisingen. Sie hatten sicher auch Zeiten der Normalität und der relativen Sicherheit gekannt, wie ihre christlichen Mitbürger. Keiner von ihnen hätte sich träumen lassen, was mit seinen Nachkommen ein paar Generationen später geschehen würde. Ich bin nicht religiös, aber ich ließ einen Stein da.

Englisch

Haus

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Ich bin schon in vielen Schlössern gewesen. Als europäisches Kind machst du das halt so, wenn deine Eltern auf Allgemeinbildung aus sind. Und als Tourist machst du das halt auch so – Schlösser und Kirchen besuchen, weil dort ja anscheinend Geschichte geschrieben wurde. Kirchen und Schlösser gibt es in prächtig bis nonexistent. Die prächtigen Exemplare sind voller langweiliger Wunder. Die anderen sind Ruinen, immer noch schön in ihrer annähernden Nichtexistenz. Auch in den Prachtbauten fühlt man sich oft einsam. Könige sind Mangelware. Die Geistlichen, die man sieht, gleichen den Portraits ihrer Vorgänger nicht, die an den Wänden hängen. Die Gebäude machen den Eindruck von leeren Hüllen, selbst wenn sie bis oben hin voll sind mit Skeletten und Gold. Du und die anderen Touristen, ihr seid nicht gerade hilfreich mit eurer Verblüffung und Ahnungslosigkeit. Was geht hier vor?

Dann wird dir klar: Die Könige sind in die Klatschpresse abgewandert. Sie tragen Säuglinge aus Geburtskliniken und besuchen Schweinezüchter auf ihren Höfen. Sie tun oft, was die gewöhnlichen Leute auch tun: Sie essen, heiraten und fahren Ski. Wenn man sie förmlich ansprechen will, dann haben sie sehr lange Namen, aber die Boulevardblätter nennen sie „Sophia“ und „George“. Das käme bei gewöhnlichen Leuten nicht vor. Die Geistlichen sind jetzt im Fernsehen. Meistens predigen sie von Balkonen herunter, gelegentlich auf Latein. Manche von ihnen äußern sich gern zu der Frage, wer mit wem ins Bett gehen darf. Es ist ein bisschen verwirrend, ehrlich gesagt, und möglicherweise nicht einmal völlig harmlos.

Häuser

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Auto

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Wer sich auf sein Erwachsenendasein vorbereiten wollte, der kümmerte sich um Autos. Autos waren groß und wichtig; sie waren für Erwachsene unabdingbar. Wer ein Auto besaß, der hatte es ja so ziemlich geschafft. Der war eine ernstzunehmende Person; jemand, mit dem man rechnen musste. Es stimmte schon, Autos waren teuer in Anschaffung und Unterhalt. Aber wer ihre kostspieligen Bedürfnisse befriedigen konnte, dem verliehen sie Macht und Ruhm.

Einmal brandmarkte ich einen Ledersitz im Auto meines Vaters mit dem Zigarettenanzünder. Sein Gesicht wurde weiß vor Wut. Er konnte mich nicht einmal schlagen, so wütend war er. Als ich an der Reihe war, suchte ich nach autolosen Wegen des Erwachsenwerdens.

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Fund

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Den blaugrünen See hatten wir ja vorher schon gefunden. Dann in das kleine, extrem mittelalterliche Dorf, von dem wir uns nicht viel mehr als Tourismus erwarteten; unseren eigenen und den der anderen. Den gab es auch reichlich, markiert durch Dekorationen, mittelalterfestliche Flaggen und urige Schrifttypen, die niemand braucht oder je gebraucht hat. Ein Italiener trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Italia" und fotografierte, wie ich ihn fotografierte. Außerdem fanden wir auch noch Glaubensbekenntnisse, Eidechsen, lachende, ganz moderne Mädchen beim Essen, und ein Licht, das die Architektur von wahrhaft übertrieben alten Gebäuden mit übertrieben dicken Mauern hart feierte. Und ein anderes, auf deinem Gesicht, für das meine Kamera plötzlich bereit war. In den Tagen danach präsentierte sich uns der Franzose, der wahrscheinlich früher beim Militär gewesen war, so schneidig stellte er sich auf dem Monte Baldo hin. Die schwarzweiße Postkarte, die ich fand, mitten in der Landschaft. Das Hotel Caravel, so konkret wie der Reim, der es zusammen hielt. Der gelbe Schlauch bei beginnendem Regen. Und die Fähigkeit des Sees, sich am Abend in einen kleinen Ozean zu verwandeln.

Funde

Der ganze See

Accumulazione musicale [mp3]

Buch

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Dann wollte ich ein Buch machen. Es sollte Bilder von dir enthalten. Die allerersten, als du im Bauch deiner Mutter warst. Die, auf denen du bald 18 wurdest. Und die dazwischen auch.

Angeblich ist es ganz einfach, so ein Buch zu machen. Man schickt Bilder an eine Internetdruckerei, und zwei Wochen später kommt das Buch. 1,2,3, sorgenfrei.

Der Teufel ist sehr klein, damit er in die winzigsten Details reinpasst. Er sitzt da und kichert. In diesem Fall über die Qual der Wahl, über Farbräume und über Gefühle.

Es ging also darum, die Geschichte eines 18-Jährigen in ungefähr 100 Bildern zu erzählen. Dich noch einmal aufwachsen zu sehen, dieses Mal in Zeitraffer: seltsam. Was für ein süßes Kind du gewesen warst. Was für ein cooler Typ aus dir geworden war. Die Leute meinen oft, dass du mir ähnlich siehst. In Wirklichkeit bist du viel entspannter und selbstbewusster, als ich es je gewesen bin. Außerdem siehst du besser aus.

Während meiner Arbeit an dem Buch hast du mir von deiner Begegnung mit einem Hirschkäfer erzählt, der nah am Bürgersteig, über den du gingst, auf der Straße unterwegs war. Weil du ein freundlicher Mensch bist, hast du ihn davor bewahrt, von einem Auto- oder Radfahrer zerquetscht zu werden. Du hast mir die Käferbilder auf deinem Smartphone gezeigt und warst wieder der Siebenjährige, den Raupen so unendlich faszinierten. Du hast den Käfer nicht nach Hause mitgenommen, sondern auf einer Wiese freigelassen, denn er gehört zu einer bedrohten Art. Das erklärte dir Wikipedia nach eurer Begegnung. Als du geboren wurdest, gab es Wikipedia nicht.

Manche der Bilder, die ich auswählte, erinnerten mich an die Zeiten, in denen sich das Vatersein wie nichteuklidisches Tischtennis anfühlte. Ich wusste nicht, wie ich mit deinem Hass auf die Schule umgehen sollte. Du schon. Du hast ihr den Finger gezeigt und dich einfach durchgelächelt. Hab ich nie geschafft.

Allgemeinbildung? Da konnte ich dir nur mit Kinofilmen kommen. Auf die Art hatten wir Gelegenheit, über Politik, Geschichte und Gesellschaft zu diskutieren. Themen, die deine Schule anscheinend komplett uninteressant fand – auch egal, du hättest deinen Lehrern sowieso nicht zugehört.

Ich wählte die Bilder aus. Bei manchen war der Farbraum falsch. Ich musste sie konvertieren und hoffte, die Internetdruckerei würde keinen Mist bauen.

Der Teufel kann ein Arsch sein, aber üblicherweise ist er nicht so böse. Hauptsächlich will er dich daran erinnern, dass du die Welt nicht kontrollierst. Oder die Farben in deinen Bildern. Oder, wenn wir schon dabei sind, deine Gefühle.

Dazwischen

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