Symbolbild

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Die Auslagen in den Geschäften stauben langsam ein. Aber bald wird wieder geöffnet, bald läuft es wieder. Die Gummibänder an meinen Masken ziehen meine Ohren nach vorn, das wirkt albern. Ich sah eine junge Frau. Zwischen die Schulterblätter hatte sie sich das Bild eines Baums tätowieren lassen. Anscheinend einer dieser uralten Mammutbäume, die eigene Namen haben wie „Grizzly Giant“ oder „General Grant Tree“ oder „The President“. Die blanken Arme der Frau bewegten sich nur ganz leicht, weil sie mit ihrem Smartphone beschäftigt war. Wie ein Traumbild so schön.

Gegebenheiten

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Mein Vater hatte auch eine. Obwohl er sie nicht mehr benutzte, gab er ihr einen Ehrenplatz in dem abschließbaren Fach in seinem Arbeitszimmerschrank. Mehrmals nahm er sie feierlich heraus, um sie mir zu erklären; sie war schwer und roch nach ihm und nach Maschinenöl. Mein Vater konnte nicht gut erklären. Aus Angst, etwas zu verpassen, hörte ich nicht gut zu. Deshalb verstand ich nicht, wie die Maschine funktionierte, und er tat sie jedes Mal enttäuscht wieder zurück. Als ich dieses Exemplar hier im Musée des Arts et Métiers fotografierte, war mein Vater schon gestorben. In der Pappkiste mit dem Schottenmuster, die auch in dem abschließbaren Fach war, fand ich nach seinem Tod nichts Besonderes. Ich benutze sie bis heute zur Aufbewahrung der hübschen, kleinen Lokomotiven einer Modelleisenbahn, die mich als Kind schnell gelangweilt hatte. Die Motoren der Lokomotiven sind verharzt, wie man mir im Fachhandel erklärt hat; es sei möglich, sie zu reparieren, aber schwierig. Und wozu auch.

Betreutes Fahren

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HH Hauptbahnhof, ICE 771. Zugführerin, der Verzweiflung nahe, gibt per Durchsage bekannt, dass der Lokführer abgängig sei. Dann ist angeblich ein Ersatzlokführer gefunden. Sie will uns auf dem laufenden halten. Gleich danach ansagelose Abfahrt. Möglicherweise sitzt sie selbst am Steuer? Kurze Zeit später gibt sie aufschluchzend durch, dass uns der Ersatzlokführer „ein kleines Stück“ weiterbringen werde (wahrscheinl. Hannover). Sie wisse gar nicht, was sie zu all dem sagen solle. Ich schon. Ich bereite mich darauf vor, einer suizidalen Zugführerin in Hannover gut zuzureden.

Aptum

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In der Raumstation. Nach dem Fotografieren lasse ich das Handy sinken, da höre ich von der Seite: "Sie sehen aus wie mein Enkel." Direkt neben mir steht sie: grauhaarig, klein, rollatorgestützt, Brillenträgerin. Der Satz hat mich aus dem Konzept gebracht. Ich befürchte fast einen reversen Enkeltrick. "Aber ich bin nicht Ihr Enkel." "Ja sicher." Sie schaut an mir herab, dann wieder Blickkontakt. "Aber Sie sehen genau so aus. Hochmodern und ganz jung!" Hilfe, denke ich. Was geht hier vor? "Das hört man mit 52 nicht mehr so oft." "Ich bin viel älter!", versichert sie mir. "Mit 52 ist man doch im besten Alter. Da hat das Leben noch einen Sinn." Und schon ist sie weggerollert, zielstrebig und agil. Eigentlich hat mich der Fotofix-Automat hergelockt, und als ich mich in die Kabine setze, weiß ich genau, dass die Bilder gut werden. Sie werden dann doch scheiße, denn das ist das Gesetz der Welt.

Leuchtmittel

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In meiner Stasiküche verhöre ich die Gefangenen. Das Neonlicht von der Decke macht jeden weich, schon bevor ich die Vergangenheit ins Spiel bringe. Ich will auch wissen: Welchen Klassenstandpunkt nimmst du ein? Und wer ist dein Lieblingskünstler? Ein Tonband läuft mit, und ich mache mir Notizen. Mit dem Neon geraten die Siebzigerjahre auf die Spulen und zwischen die Zeilen. Wenn die Gefangenen verstockt sind, helfe ich nach. Willst du, dass jemand kommt, der nicht so nett ist wie ich? Und ich schaue bedeutungsvoll hinüber zum Toaster. Ich frage nach Vater und Mutter, denn das ist psychologisch. Bald wird klar, wer ein Feind ist und wer weint. Wenn das Verhör erfolgreich war, gibt es ein Getränk, das getrunken werden muss. Denn aus den leeren Tassen und Gläsern entnehme ich den Atem der Befragten.