Langsam

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Die Lichtgeschwindigkeit kann bleiben, wo sie will. Uns beide umgibt eine langsame Elektrizität mit metaphysischem Honig, so dass unsere Haut prickelt, in Vorwegnahme von Ereignissen, die vielleicht nie eintreten. Wir glühen und summen wie Transformatoren, weil all diese Energie durch uns hindurch abfließt. Wenn die Spannung selbst Nikola Tesla in Neid versetzt hätte – kein Problem. Aber die Geschwindigkeit des Stroms muss so gering wie möglich sein. Draußen drücken die Grillen mit ihrem Zirpen sowohl Sorge als auch Zustimmung aus.

Bildband

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Manche meiner Fotos sehen aus, als hätte ich sie aus den alten Bildbänden meines Vaters genommen. Nicht, dass ich dieselben Motive abgelichtet hätte. Da ist eher eine Stimmung, ein Look. Ein gewisses Genre von popularisierter Kunstbildnerei war das. Menschen aus allen Erdteilen, beobachtet bei ihrer unaufhaltsamen Modernisierung durch den PKW und den Fernseher. Man sah tatkräftige Fabrikarbeiter beim Maschinenbau, Paare beim Spaziergang vor dem Atomium und die Kirschblüte in Nagano (1959). Aber die Moderne ließ viele melancholische Seitenblicke zu. Momente, die nicht von Produktivität, Chrom und froher Zukunftserwartung bestimmt waren. Als ich die langsam vergilbenden Bücher in den späten Siebzigern aufschlug, erzählten sie bereits von der Zukunft wie vom Jüngstvergangenen. Da ich um mich herum keine Trümmer entdecken konnte, nahm ich an, die Katastrophe, die sie zum Verschwinden gebracht hatte, sei eine stille gewesen.

Beispiele

Grau

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Silbergrau vor Müdigkeit stolperten wir in die Stadt, denn es war natürlich nichts gewesen mit dem Schlaf im Nachtzug. Ich trank gegen alle Gewohnheit einen Kaffee, aber das machte die silbernen Ränder der Bühne nur heller, auf der wir uns hin und her bewegten. Unsere Füße liefen von selbst zur Speicherstadt, wie man es von den Pferden kennt. Dort war in aller Frühe Sherlock Holmes zur Überwachung interessanter Gewalttaten unterwegs, aber wir begegneten ihm nicht, denn er war viel zu schnell und hatte auch schon für alles eine Lösung. Wir aber wären beinahe von den Brücken gefallen, nur um zu wissen, wie es so ist als Wasser. Nachdem wir die Speicherstadt und andere Sehenswürdigkeiten mit unseren fotografischen Geräten silbergrau gemacht hatten, fanden wir uns bei einer Modellwelt im Maßstab 1:87 ein, um uns auch mal von oben zu sehen. Nach dieser Prüfung durften wir unsere Zimmerwirtin aufsuchen, die von Beruf Schauspielerin war. Das aber hatte geheim zu bleiben.

Mono

Mixed

Hotel

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Ja, das scheint ein klassisches Gemälde zu sein. Auf den ersten Blick. Wenn man genauer hinsieht, merkt man: Hier stimmt was nicht. Hier stimmt sogar eine ganze Menge nicht. Nach einer gewissen Zeit der Prüfung erkennt jeder, der auch nur für einen Groschen Geschmack hat, wie total vergeigt dieser Schinken ist. Ihre Augen. Ihre Brust. Die Art, wie sie dieses blumentopfdekorierende Figürchen berührt, das zwar geschlechtslos ist, sich aber irgendwie erwartungsfroh in ihre Berührung hineingibt. Der Blumentopf hingegen scheint völlig gewichtslos zu sein. Ihr linker Unterarm ist wohl nicht recht mit dem Rest des Körpers verbunden, aber ihr Kleid fällt im Schulter- / Oberarmbereich auf eine Weise, dass man vermuten muss, der linke Oberarm von Hulk Hogan sei einem Frauen-Imitat transplantiert worden; Studio Frankenstein lässt grüßen. Theoretisch wäre das schon ganz praktisch, sollte der Blumentopf doch ein Gewicht haben. Der Hintergrund hat natürlich gleichfalls charmante Surrealitäten zu bieten. Wälder, die sich spontan in Giftgas verwandeln, sind der Menschheit ja bisher unbekannt – aber wer sagt eigentlich, dass sich diese Szene überhaupt auf der Erde abgespielt haben soll?

Ich habe eine Menge verwunschene Hotelkunst gesehen, aber das hier ist das wunderbarste und erschreckendste Beispiel, das mir je aufgefallen ist. Meine Hassliebe zu dem Genre ist durch den untoten Blick dieses Wesens auf ein ganz neues Niveau angehoben worden. Beeindruckend, wie nachhaltig hier Kunst vermieden wurde. Da sollte irgendeine Form von Bedeutung sein, aber es gibt keine. Die pynchoneske Finsternis, mit der dieser Dreck nur so getränkt ist, schlägt jeden Max Ernst um Längen. Wer auch immer hier am Werk war, hat einen sehr seltsamen Humor. Oder er ist ein Alien.

Und dieses bestimmte Berliner Hotel war bis zum Dach voll mit ähnlichem Mist. Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Englisch

Moos

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Diesen Ort abgelegen zu nennen, wäre eine Untertreibung. Ein winziger jüdischer Friedhof im Wald bei Unterschwandorf (Stadt Haiterbach, Baden-Württemberg). Angelegt wurde er 1801. Die letzte Beisetzung fand 1879 statt, nachdem sich die Jüdische Gemeinde in den 1860ern aufgelöst hatte. Die Synagoge war aufgegeben worden und verfiel, wie der Friedhof selbst auch. 1969 beschlossen die Unterschwandorfer, ihren jüdischen Friedhof wiederherzustellen. 1996 wurde der Friedhof von Neonazis geschändet. Heute herrscht dort eine märchenhafte Atmosphäre, weil Moos fast das ganze Gelände und einige der Grabsteine überzieht. Es gedeiht auch in dem umliegenden Wald prächtig. Ich musste über die Leute nachdenken, die dort beerdigt worden waren. Sie hatten Diskriminierung erfahren und schreckliche Gewalt, wie während des Pogroms von 1848 in der Nachbarstadt Baisingen. Sie hatten sicher auch Zeiten der Normalität und der relativen Sicherheit gekannt, wie ihre christlichen Mitbürger. Keiner von ihnen hätte sich träumen lassen, was mit seinen Nachkommen ein paar Generationen später geschehen würde. Ich bin nicht religiös, aber ich ließ einen Stein da.

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