Oktober 2017

Trug

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Zur Irreführung nannte ich dieses Bild "Follow me". Dabei hatte ich mit der Frau gar keinen Kontakt. Sie lief mit ihrem weichen, weißen Sonnenschutzhütchen nur an mir vorbei, an diesem Frühlingsabend in New York, und ich drückte ab. Nicht ein gewechseltes Wort, in Wirklichkeit. Aber sie hätte mich ja irgend wohin führen können, zu einer Sensation, die sich vor mir, dem ahnungslosen Touristen, im städtischen Gewühl verbarg. Theoretisch. Schon seit dem ersten Foto von einem Menschen bildet die Fotografie nicht die Wirklichkeit ab.

Städter 1 | 2 | 3 | 4 | 5

Celsius

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Weißt du noch, wie kalt es war? -9 Grad. Es war grundkalt. Wir froren wie die Fisch, schon auf dem Weg zum Père-Lachaise. Dort versagte die Batterie deiner Kamera, aufgrund der Kälte. Wir sahen all die endgültigen Gartenhäuschen der Toten; wir sahen auch, wie ihnen die Zeit und das Vergessen zugesetzt hatten. So viele kleine Kapellen für nichts. Wir gingen nicht zum Grab von Proust, auf dem ich zwanzig Jahre vorher eine gelbe Rose abgelegt hatte, weil die roten Rosen teurer gewesen waren. Wir suchten auch nicht das Kolumbarium mit der Urnennische des "cofondateur de la quatrième Internationale", an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnerte. Als uns die Kälte vom Friedhof vertrieb, stiegen wir nicht in die Pariser Katakomben hinab, weil wir vermuteten, dass es dort noch kälter sein würde. Was der späte Winter überirdisch mit der Stadt anstellte, reichte uns völlig.

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Trunk

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Der alte Markt war überdacht, so dass er die Luft aus siebenhundert Jahren kompakt zusammenhielt. Wir kamen nach Geschäftsschluss, und die Männer hatten sich schon zu dunklen Gesellschaften versammelt, um den Abend einzutrinken. Manche dieser Gruppen waren von Absperrgittern umfasst, andere brauchten nicht einmal das. Ich hielt mir die Kamera seitlich vor die Brust, um niemanden zu verschrecken. Im Vorbeigehen erschloss sich mir Foto für Foto der Hauptsinn des Begriffs "Gentleman": Der Gentleman schaut, geschäftig gekleidet, einem Sportereignis zu, das gar nicht stattfindet. Er schluckt dabei genau zwei Bier, weil Trunkenheit nur schadet.

In dem alten Markt war einmal ein Film gedreht worden, der aber auch immer mehr in die Vergangenheit zurücksank.

Gift

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Wir waren am Eingang des Gewächshauses gewarnt worden: Vorsicht, Giftpflanzen. Und doch, und doch. Diese Beeren sahen in Wirklichkeit noch viel appetitlicher aus. Obwohl meine Kamera anderer Meinung war, glich ihre Farbe mehr dem Komm-und-iss-mich-Blau von Heidelbeeren. "Ihr verpasst was", flüsterten sie. "Schaut uns an! Wir würden euch doch nie anlügen!" Wir hielten ordentlich Abstand von diesen sozusagen katholischen Beeren, waren sie doch einer der offensichtlichen Gründe für die dringliche Warnung vor Gift.

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Blitz

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Bilder und ihre Geschichten. Neulich stieß ich auf eine Fotografin, die ihr Foto-Equipment und einen Teddybär, einen Sessel und ein Schafsfell in ein Kaufhaus verfrachtet hatte. Anscheinend waren ihre Zielgruppe die Passanten und Einkäufer, die professionelle Bilder von ihren Kindern wollten, ohne einen Termin in einem Fotostudio vereinbaren zu müssen. Ich war so begeistert von ihrer Deko, dass ich sie fragte, ob ich meine "neue Kamera" an ihr testen könne. Sie erlaubte es. Mein kleiner Blitz triggerte ihre fernsteuerbaren Blitze – deswegen weiß ich, dass sein Hersteller über dieses spezielle Feature nicht lügt. Der Moment, als wir uns beide überrascht ansahen, und dann grinsten: Als habe eine Falle wie vorgesehen, aber zu einem unerwarteten Zeitpunkt zugeschnappt. Am Ende fand ich aber die Teddybär-Bilder besser, die ganz ohne Blitz entstanden waren - et voilà.