Gefahr

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Normalerweise wird Kühnheit in der Fotografie geschätzt. Manche Leute glauben, dass man unübliche Risiken eingehen muss, um bessere Bilder zu machen. So gesehen ist der Kriegsfotograf eigentlich der einzig wirkliche Fotograf. Ich will keine unangenehmen oder gefährlichen Dinge tun, um ein bestimmtes Foto zu schießen – es gibt Ausnahmen, aber nicht oft. Wahrscheinlich bin ich nicht cool genug. Sogar kleine Ordnungswidrigkeiten fluten mich mit Adrenalin; die Angst vor Strafe oder Gewalt behindert meine Reaktionsfähigkeit und bringt meine Hände zum Zittern.

Für dieses Bild musste ich trotzdem Widerstände überwinden. Die Typographie auf den Schließfächern im Untergeschoss eines deutschen Bahnhofs hatte es mir angetan. Das Problem: Die Örtlichkeit stank nach Pisse. Und nicht nur ein bisschen. Anscheinend hatte sich hier eine Herde diabetischer Moschusochsen mehrfach erleichtert, und danach war die Putzkolonne woanders gewesen, etwa zwei Wochen lang. Trotzdem brauchte ich ein Bild von diesen Schließfächern. Also hielt ich die Luft an und ließ die Kamera klicken. Natürlich geht es nicht nur um die Ziffern. Ich mag so ziemlich alles an diesem Bild: die Farben, das Licht, die Struktur.

Glücklicherweise kann man Gerüche nicht fotografieren.

Der deutsche Polizist, der Nazis schützte. Seine Schweizer Kollegen, die einen Hippie ganz genau filzen mussten. Die vereiste Lok im Stuttgarter Bahnhof, bei der ich nicht auf die Schienen trat, sondern nur hinter einen Prellbock. Der Kioskbesitzer, der mich bemerkte und wütend wurde: Gefahrensucher